Ferdinand von Schirach – Strafe

Subotnik

SEYMA, Tochter einer türkischen Migrantenfamilie, erkämpft sich nach dem Jurastudium ihren ersten Job in der Kanzlei eines renommierten Rechtsanwalts (DER ALTE). Sie übernimmt die Verteidigung eines RUSSEN, der als Kopf einer Bande Frauen aus Osteuropa nach Berlin verschleppt und zur Prostitution gezwungen haben soll.

Die Beweislage ist dünn – bis es der Staatsanwaltschaft gelingt, eine junge Frau aus Rumänien (VICA) als Belastungszeugin zu präsentieren. Weil sie sich vor dem Angeklagten fürchtet, lässt das Gericht für die Dauer ihrer Aussage den Angeklagten in die Zelle zurückbringen und schließt die Öffentlichkeit aus. Die Zeugin berichtet, wie der Angeklagte sie nach Berlin lockte, indem er ihr als Altenpflegerin das Zehnfache eines rumänischen Durchschnittslohnes versprach. Wie er ihr nach der Grenzkontrolle den Pass abnahm und, als sie sich weigerte, für ihn anzuschaffen, fünf Straßenarbeiter holte, die sie brutal vergewaltigten. Das habe der Angeklagte „Subotnik“ genannt, sagt die Zeugin vor Gericht. Zwei Jahre lang arbeitete sie mit sechs anderen Frauen zusammen für den Angeklagten. Als sie krank wurde, schlug er sie zusammen und zerschnitt ihr das Gesicht. Auf dem Weg zum Krankenhaus kam ihr eine andere Frau (CHLOÉ) zur Hilfe und setzte ihren Bewacher außer Gefecht. Die Zeugin kehrte zurück nach Rumänien.

Unter dem Eindruck der Schilderungen will Seyma will ihr Mandat niederlegen, doch die Richterin droht, sie dem Angeklagten als Pflichtverteidigerin beizuordnen. Der Angeklagte wird zu vierzehneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Noch am selben Tag legt Seyma Revision ein, wie es von einer Verteidigerin erwartet wird. Und sie findet einen Verfahrensfehler: Die Vorsitzende hätte die Zeugin nicht entlassen dürfen, bevor der Angeklagte wieder im Saal war. Ein Angeklagter hat das Recht und die Pflicht, an der Hauptverhandlung teilzunehmen und darf darüber mitentscheiden, ob ein Zeuge entlassen wird. Dass die Vorsitzende seine Rechte nicht bewusst beschneiden wollte, und der Angeklagte sie nicht eingefordert hat, spielt dabei keine Rolle.

Nachdem der Bundesgerichtshof das Urteil aufgehoben hat, wird die Hauptverhandlung vor einer anderen Strafkammer wiederholt. Aber die Belastungszeugin ist verschwunden. Die Eltern erklären, sie sei nie aus Berlin zurückgekommen. Gerüchten zufolge wurde sie ermordet. Weil die anderen Beweismittel nicht für eine Verurteilung ausreichen, muss der Angeklagte freigesprochen werden.

Die Schöffin

Als Katharina 14 Jahre alt ist, beginnt der Vater, zu dem sie ein enges Verhältnis hatte, eine Affäre mit seiner jüngeren Assistentin. Die Eltern trennen sich, die Mutter zieht der Tochter weg, Katharina sieht ihren Vater nie wieder. Während ihres Politikstudiums ist Katharina das erste Mal in einer toxischen Beziehung mit einem Mann, dessen Karriere sie unterstützt – ein Muster, das sich fortsetzen wird. Nach einem Nervenzusammenbruch nimmt sie eine Anstellung als Pressesprecherin eines Unternehmens in Hamburg an, wo sie sich auf eine Affäre mit ihrem Chef einlässt.

Als das Landgericht sie für fünf Jahre zur Schöffin beruft, versucht Katharina vergeblich, dieser sie überfordernden Aufgabe zu entgehen. Gleich beim ersten Fall bricht sie in Tränen aus, weil das Geschilderte sie persönlich berührt: Sie erkennt sich selbst in den Schilderungen der Belastungszeugin wieder. Der Verteidiger des Angeklagten – es ist der Ehemann der Zeugin – stellt einen Befangenheitsantrag gegen die Schöffin, und weil kein Ersatz verfügbar ist, platzt der Prozess. Der gewalttätige Angeklagte, der seine Frau schwer misshandelt haben soll, kommt frei. Vier Monate später erschlägt er seine Frau mit einem Hammer.

Der Taucher

Claudia hat Andreas, einen gutaussehenden Ingenieur aus Norddeutschland, über die Arbeit kennengelernt, es war Liebe auf den ersten Blick. Er zog zu ihr nach Oberbayern. Sie heirateten. Als Claudia ein Kind bekam, wollte Andreas bei der Geburt dabei sein. Doch das Erlebnis im Kreißsaal hat das sexuelle Verhältnis zwischen ihm und Claudia zutiefst verstört. Andreas leidet unter Depressionen, ist für seine Frau und den gemeinsamen Sohn oft kaum ansprechbar.

Fünfzehn Jahre später, es ist Karfreitag, ruft Claudia den Arzt: Andreas liegt tot auf dem Bett. Der Arzt verständigt die Polizei, denn er vermutet, dass Andreas stranguliert wurde. Claudia wird verhaftet. Auf dem Polizeirevier werden ihr Gürtel und Schuhbänder abgenommen. Ihrem Strafverteidiger gegenüber fällt es ihr schwer, sich zu öffnen. Zu groß ist die Scham und die Angst vor Gerede im Dorf.

Doch bei der Anhörung – inzwischen ist Ostersonntag – sagt Claudia aus, dass sie ihren Mann mit einem Seil um den Hals am Sprossenheizkörper im Bad hängend gefunden habe. Er trug einen Taucheranzug, der das Gemächt frei ließ. Augenscheinlich hatte er sich zur Luststeigerung beim Masturbieren stranguliert. Claudia schnitt ihn ab, zog ihn aus und wuchtete ihn auf das Bett, bevor sie den Arzt rief. Der Gerichtsmediziner bestätigt, dass man ältere, möglicherweise durch wiederholte Selbststrangulierungen verursachte Verletzungen am Kehlkopf des Toten gefunden habe. Claudia wird freigesprochen. Zwei Wochen später findet die Beerdigung statt. Im Dorf weiß niemand von ihrer

Inhaftierung oder von den Umständen, unter denen Andreas starb – und dass es Claudia war, die seinen Kopf gegen das Seil gedrückt hat, bis er ganz ruhig wurde.

Das Seehaus

Felix Ascher wird mit Feuermalen auf der Haut geboren. Als Kind verbringt er viel Zeit mit seinem Großvater in dessen Seehaus in Oberbayern. Nach einer Karriere bei einem Versicherungskonzern geht Ascher mit Mitte Fünfzig in den Vorruhestand und bezieht das Haus, das ihm der Großvater hinterlassen hat. Dort lebt er zurückgezogen. Doch als Jahre später die Gemeinde das Gelände am See verkauft und dort Ferienhäuser bauen lässt, ist es mit Aschers Ruhe vorbei. Seine Beschwerden bei der Polizei und sogar beim Ministerpräsidenten bleiben unbeachtet. Eines Tages reinigt Ascher eines der Gewehre seines Großvaters und geht zum Ferienhaus eines Hotelmanagers. Er erschießt die Ehefrau, die alleine zuhause ist, und versenkt das zersägte Gewehr im Murnauer Moos.

Als Felix Ascher fünf Tage nach der Tat auf der Kellertreppe ausrutscht und sich die Hüfte bricht, fällt einer Polizistin, die sich im Keller umsieht, das fehlende Gewehr im Waffenschrank auf. Da die Staatsanwaltschaft mit ihren Ermittlungen gegen Ascher nicht weiterkommt, werden in seinem Krankenzimmer Abhörmikrofone installiert. Ascher führt Selbstgespräche über die Tat. Er wird als Mordverdächtiger angeklagt.

Doch da Selbstgespräche als gesprochene Gedanken gewertet werden und somit zur Intimsphäre des Menschen gehören, dürfen sie nicht als Beweismaterial verwendet werden. Das Gericht hebt den Haftbefehl auf. Felix Ascher stirbt Jahre später als freier Mann. Er kehrt nicht in das Seehaus zurück.

Der Dorn

Mit 35 Jahren tritt Feldmayer eine neue Stelle als Wächter im Antikenmuseum an. Normalerweise rotieren die Wachmänner regelmäßig von Raum zu Raum. Doch weil seine Karteikarte in der Personalabteilung verlorengeht, bleibt Feldmayer immer in der gleichen Halle. Er beschwert sich nicht, sondern versucht der Sache etwas abzugewinnen, indem er nach und nach den gesamten Raum ausmisst, die Stubenfliegen beobachtet, die Besucher zählt und Spekulationen über sie anstellt. Doch je mehr Feldmayer sich an seinen einsamen, eintönigen Alltag gewöhnt, desto mehr beginnt die Museumstätigkeit ihn auch privat zu verändern. Er zieht sich zurück, wird eigenbrötlerisch, räumt seine Wohnung leer, passt jeden seiner Schritte einem festgelegten, immergleichen Rhythmus an.

Nach acht Jahren als Wächter macht Feldmayer eine unerwartete Entdeckung. Der antiken Statue, die in dem von ihm bewachten Raum steht, fehlt etwas Entscheidendes: „Der Dornauszieher“, ein Knabe

aus Marmor, sitzt über die eigene Ferse gebeugt, als wolle er etwas herausziehen – doch der Dorn selbst ist nirgendwo zu sehen, weder in der Hand noch am Fuß der Figur. Feldmayer findet ihn selbst mit einer Lupe nicht. Die Sache lässt ihm keine Ruhe, bereitet ihm schlaflose Nächte. Er steigert sich hinein in die Vorstellung, er müsse das Problem lösen, den Knaben von seinem Schmerz erlösen.

Schließlich weiß Feldmayer, was zu tun ist. Er kauft gelbe Reißnägel, geht damit in ein Schuhgeschäft. Als sich kurz darauf ein Kunde beim Anprobieren schreiend einen Reißnagel aus dem Fußballen zieht, fühlt sich Feldmayer auf eigentümliche Art beglückt. Nachts träumt er, der marmorne Knabe ziehe sich den Dorn aus dem Fuß und winke ihm lachend zu. Doch die Ruhe hält nicht lange an…

Nach dreiundzwanzig Jahren, am Tag seiner Pensionierung, stemmt Feldmayer die Statue vom Sockel und zerschlägt sie. Einen Moment lang glaubt er, in den umherfliegenden Marmorsplittern den Dorn zu erkennen, nach dem er gesucht hatte – und beginnt zu lachen. Die Polizisten, die Feldmayer nach Hause bringen, sehen, dass die Wände mit Tausenden von Fotos tapeziert sind. Das Motiv ist immer gleich, an unterschiedlichen Orten: Menschen, die sich einen gelben Reißnagel aus dem Fuß ziehen.

Die Staatsanwaltschaft beauftragt ein psychiatrisches Gutachten. Als jedoch klar wird, dass auch die Museumsdirektion zur Verantwortung gezogen werden würde – dafür, dass sie Feldmayer ein knappes Jahrhundert in einen Raum gesperrt hatten – wird das Verfahren gegen ihn eingestellt.

Ein hellblauer Tag

Die Angeklagte, eine Frau Ende Dreißig aus nicht ganz einfachen Verhältnissen, wird zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Das Gericht hält sie für schuldig, ihren Säugling getötet zu haben, weil sie das ständige Schreien nicht mehr ertrug und von der Situation überfordert war. Sie verbüßt ihre Strafe und wird aus dem Gefängnis entlassen. Ihr Ehemann hat sie kein einziges Mal besucht und holt sie auch nicht ab. Er sitzt zu Hause vor dem Fernseher, als sie nach Jahren – an einem hellblauen Tag – dorthin zurückkehrt, und hat gerade eine neue Satellitenschüssel gekauft. Um sie anzubringen, trägt er einen Stuhl auf den Balkon und steigt darauf. Seine Frau kommt aus dem Kinderzimmer, in dem noch die Wiege ihres Babys steht, auf den Balkon, sieht den Mann und tritt gegen den Stuhl. Der Mann stürzt vier Etagen tief.

Jahre zuvor, als die Frau vom Einkaufen kam, war ihr Kind bereits tot. Der Mann behauptete, es sei ihm aus der Hand gerutscht. Er drängte sie, die Schuld auf sich zu nehmen, weil er selbst bereits wegen Raub und Körperverletzung vorbestraft war. Erst während ihrer Zeit in Haft, die sie in der Gefängnistischlerei verbrachte und ihre Trauer verarbeitete, wurde der Frau klar, dass der Mann sie belogen hatte: Es war kein Unfall gewesen, er hatte ihr Baby bewusst getötet. Jetzt ist er tot, und sie

wird erneut festgenommen. Der Staatsanwalt ist überzeugt, dass sie ihren Mann umgebracht hat, kann es jedoch nicht beweisen. Sie wird freigesprochen.

Ausstrahlung: ab 28. Juni 2022

Regie: Helene Hegemann, Mia Spengler, Oliver Hirschbiegel, Patrick Vollrath, Hüseyin Tabak, David Wnendt

Produktion: MOOVIE

Sender: RTL+

Besetzung: Olli Dittrich, Jule Böwe, Katharina Hauter, Thomas Loibl, Elisa Hofmann, Jan Krauter, Hans Löw, Cosima Stratan, u.a.